::zurück::Der letzte Vah Shir
„Wieviel Zeit ist uns noch gegeben?“
Wieder erschütterte ein Beben den Saal, die wenigen im Raume Anwesenden klammerten sich an das Nächste
das sie greifen konnten, eine Stuhllehne, eine Säule, ein Fetzen schweren Tuchvorhanges. Das grässliche
Geräusch von berstendem Gestein folgte gleich darauf, Oylrun beobachtete die hagelartigen Feuerstöße von
seinem Platz am Fenster und ließ sich Zeit mit seiner Erwiderung bis die neuerlichen Todesschreie auf
Shar Vahls Gassen verebbt waren,
bevor er anwortete. Es waren weniger als beim letzten Mal. Es waren nicht mehr viele übrig.
„Antwortet, verfluchter Erudit!“
Gelassen wandte sich der kahlköpfige hochgewachsene Magier dem Sprecher zu und fixierte ihn mit kaltem Blick.
Der König hatte sich in seinem Thron vorgebeugt, er zitterte vor Wut. Oylruns Blick schweifte zu den Blutlachen
zu seinen Füßen, die sich stetig vergrößerten. Das von der Decke gestürzte Drachenabbild hatte die rechte
Hälfte des königlichen Körpers zertrümmert, einzig sein Zorn und seine Sorge hatten ihn noch bei Bewusstsein
gehalten. Des Eruditen Augen wanderten weiter zur Königin, die sanft auf ihren Gatten einredete, während ihre
blutbeschmierten Hände fahrig über seine Schulter strichen. Ihr Gesicht war von Tränen nass und verquollen,
die Haare hatten sich längst aus den juwelenbesetzten Spangen gelöst.
Du hast auch schon mal besser ausgesehen, dachte Oylrun gehässig.
Ihr Kopf fuhr herum als habe sie ihn gehört. Ihre Katzenaugen blitzten.
„Worauf wartet ihr? Antwortet dem König!“
Er legte all seine Verachtung für ihre Rasse in seinen Blick und neigte dann leicht den Kopf.
„Zu wenig für Euch und das Volk. Genügend für den Jungen. Entscheidet Euch.“
Ein Gurgeln entrang sich der Kehle des Königs, dann ein Husten. Schmerz und Verzweiflung verschleierten die
Augen der Königin.
„Könnt Ihr für die Sicherheit meines Sohnes garantieren?“ fragte sie.
Oylrun zuckte die Schultern und schnippte eine Ascheflocke vom staubgrauen Ärmel seiner einstmals schimmernd
weißen Robe.
„Mein Preis ist Eure Garantie.“
Stille senkte sich in den Saal. Rotes Licht durchflutete ihn, das keine Sonne gesandt hatte. Es war die
brennende Stadt, die im Untergang strahlte wie eine prächtige Sommerabenddämmerung. Im Licht glitzerten
Rußpartikel wie schwarze Sterne.
Der König hob müde den Kopf und griff nach der Hand seiner Frau. Einen Moment ließ der Ausdruck inniger Liebe
die kantigen Züge seines bleichen Gesichts weich erscheinen, dann verhärteten sie sich und er sprach mit
klarer, fester Stimme.
„Ich allein trage die Schuld. Ich war geblendet vom Zauber Eurer Wissenschaft, Oylrun. Ich habe meine Familie,
mein Volk und die Bewohner Luclins dem Untergang geweiht, in der Sekunde als ich Euch meiner Unterstützung für
Euer Experiment versicherte. Das schwarze Sehnen…“
Er lachte bitter, doch sein Lachen erstarb in einem qualvollen Hustenanfall. Die Königin winkte dem jungen
Diener, der den letzten Krug Eichenrindenextrakt während der endlosen Beben mit seinem Leben schützte. Nachdem
der König einen Schluck der faulig riechenden Flüssigkeit getrunken hatte, fuhr er fort als habe es keine
Unterbrechung gegeben.
„Welch eine treffende Bezeichnung. Erst jetzt wird mir die Bedeutung klar. Zu Anfang war es für mich nur die
Umschreibung Eurer Begierde, dieses Phänomen in den Tiefen des Weltenraumes zu untersuchen, doch nun ist es
zum Inbegriff des Todes geworden. Ihr habt dies alles geplant, ist es nicht so? Ihr habt es nicht verwunden,
dass Eure Rasse auf Luclin nicht erwünscht ist, habt vergessen dass es die Eruditen waren die unsere Vorväter
von Norrath vertrieben und zur Besiedelung dieses Mondes gezwungen haben. Ich habe Euch Zeit Eurer Jugend
Unterschlupf gewährt, habe Euch wie meinen eigenen Sohn aufgezogen und Ihr dankt es mir mit Verrat, um Eure
Rachegelüste zu stillen. Ihr wusstet dass das erfolgreiche Anlocken der schwarzen Materie Luclin vernichten
würde. Nur zu, der Moment der Wahrheit ist gekommen.“
Oylrun neigte lächelnd das Haupt.
„Meine Anerkennung, Vater. Ich fragte mich bereits ob Ihr es jemals durchschauen würdet.“
Der Donner der dem Einschlag voraus ging, ließ ihnen kaum Zeit zur Reaktion. Der Erudit warf sich
geistesgegenwärtig zur Seite und unter den schweren Eichentisch, der König breitete schützend die Arme über
die Königin und die kleine Gestalt im Schatten der Götterstatue, die den Eingang zur Linken säumte, kroch
unter den seitlichen Wandbehang und kauerte sich tief zu Boden. Der gewaltige
Feuerball schoss durch die Kuppel wie ein Pfeil und verwandelte den Diener in einem Sekundenbruchteil von einer
zweibeinigen Fackel in ein schwarzes Nichts. Die Splitter des Kruges lösten sich in Luft auf bevor sie den
Boden wieder berührten. Die Vorhänge begannen zu brennen, schwarze Wolken quirlten durch den Raum.
Die Königin, unverletzt, sprang auf die Füße, überzeugte sich kurz von der Unversehrtheit des Königs und stürzte
sich auf den Eruditen, der soeben unter dem Tisch hervor kroch. Mit ausgestreckten Klauen zielte sie nach seinem
Gesicht und ihre Krallen rissen drei tiefe Spuren in seine glatte blaufarbene Wange bevor er ihre Handgelenke
zu fassen bekam.
Einige Augenblicke starrten sie einander hasserfüllt in die Augen, gelbe katzenartige Schlitze hier –
sternförmig silber umrandete dort. Dann ließ die Königin die Arme sinken und der Erudit gab sie frei.
Wischte sich ein schmales Rinnsal Blut vom Kinn und wartete.
Sie richtete sich auf, strich einstmals goldene, nun grau verschmutzte Haarsträhnen aus ihrer Stirn und rief,
während sie den Eruditen unverwandt anblickte: “Komm zu mir mein Kind. Ich weiß dass du hier bist.“
Aus dem Schatten der Gottessäule löste sich die Gestalt eines Knaben, kaum zehn Jahre alt. Wortlos trat er an
die Seite seiner Mutter, seine kleine Hand glitt in die ihre, er schaute auf zu ihr, die zu ihm niederkniete
und ihn fest umarmte. Er verstand genug und war zu sehr der letzte seiner Art, um nicht zu wissen was vorging.
Ich liebe dich Mutter formten seine Lippen tonlos die Worte. Nur ihre Augen antworteten ihm, unmissverständlich,
dann erhob sie sich, nahm seine Schultern und schob ihn vor den Eruditen.
„Es sei,“ sagte sie. „Nehmt den letzten direkten Nachkommen des Vah mit Euch und bürgt mit Eurem Leben für
das seine. Nur zu diesem Zwecke sei es Euch gelassen und es soll Euch in der Minute genommen werden, in der
mein Sohn seinen letzten Atemzug vollbringt. Seht Euch vor – auch die Vah Shir verfügen über die Macht der
Verfluchung.“
Sie verstummte, doch das Flammen in ihren Augen brannte weiter.
Oylrun atmete auf, in aller Inbrunst, innerlich. Bist du endlich fertig, räudige Katze, bahnten sich
seine Gedanken einen Weg in seine Kehle, aber es gelang ihm sie zu unterdrücken und Haltung zu bewahren. So
neigte er nur erneut den Kopf zum Zeichen seines Verstehens. Er blickte fragend in Richtung des Königs. Ein
schwaches Nicken antwortete ihm.
Der Erudit wandte sich an den Jungen. „Wenn du deinem Vater Lebewohl sagen willst, Prinz, dann ist der Zeitpunkt
jetzt gekommen.“
Während der Knabe zum Thron hinüber eilte, zog Oylrun die ebenholzschwarze Rune aus der Tiefe seines Gewandes
und rief damit Antr’ll XaAan, den kristallenen Drachen von der Familie der Veeshan, der seine Nachricht
bereits erwartete.
...
„Wie geht es ihm?“ flüsterte die Priesterin.
Laina’re legte einen Finger an die Lippen, zog die Decken um den kleinen Körper zurecht, nahm die Fackel und
bedeutete der anderen, ihr zu folgen. Sie zog die Tür der Kammer hinter sich behutsam ins Schloss und sagte
leise: „Ich brauche frische Luft. Lasst uns nach draußen gehen“.
Die Nacht war sternenklar und beide Monde schienen in friedlicher Eintracht auf die schlafende Stadt Qeynos.
Laina’re versank einmal mehr in der Faszination der Farben, die die Lichtstrahlen aus den Bruchstücken des
zerstörten Mondes auf sie ausübte. Als hätte die Zeit ein Standbildnis gefertigt, dachte sie, von der
Gegensätzlichkeit. Der vollkommene, aber unscheinbare Mond auf der einen Seite, der zerfetzte und doch so
wunderbare auf der anderen.
Ein Zupfen an ihrem Ärmel ließ sie in die Gegenwart zurückkehren.
„Er schläft nun, die Medizin wirkt endlich“, beantwortete sie die lange zuvor gestellte Frage der Priesterin.
Sie setzte sich auf die Holzstufen der Tempeltreppe und merkte auf einmal wie müde sie war. Der arme Junge,
wie es schien von der Rasse der Kerra. Stundenlang hatte er geredet, wirre unverständliche Fieberfantasien,
seine Sprache war ihr fremd, kein Kerran, auch wenn sie ein wenig an den
gurrenden Dialekt der Kerra erinnerte. Hin und wieder hatte sie geglaubt, den Namen des zerbrochenen Mondes zu
verstehen, Luclin, aber sie musste sich verhört haben. Endlich schließlich sank sein Fieber und nun war sie
zuversichtlich dass er genesen würde. Sie hatte vor, sich bei den Kerra von Qeynos zu erkundigen, ob unter
ihnen einer war der die Sprache des Kindes verstand. Es würde interessant sein, zu hören was er zu erzählen
hatte.
„Was glaubt Ihr Laina’re, ob es der Wahrheit entsprach was uns die Magier erzählten?“
Laina’re blickte die Priesterschwester fragend und ein wenig missbilligend an. „Es gibt keinen Grund warum ihre
Worte nicht der Wahrheit entsprechen sollten.“
Die andere lachte ungläubig auf.
„Bei Tunare, der Mutter von Allen, ich bitte Euch – im Ewigen Eis eingefroren? Über fünfhundert Jahre!
Ein kleiner Junge und nun lebt er wieder? Und alles was er bei sich hatte war diese – diese – Kristallschuppe,
die von einem Drachen stammen soll?? Wie kann dies mit rechten Dingen zugehen?“
Laina’res Augen hoben sich und blieben wie magisch angezogen an den feurigen Lichtschweifen des
geschundenen Mondes hängen.
„Wer sagt denn, dass es mit rechten Dingen zugegangen ist, meine Liebe?“ erwiderte sie. "Übt euch in Geduld.
Ich bin sicher dass wir eines Tages die ganze Wahrheit erfahren werden. Aus dem Munde des Jungen."
Die Hochelfin warf einen letzten Blick auf die Monde, bevor sie zurück in den Tempel ging. Beide standen
inzwischen höher am Himmel. Über dem Unversehrten lag nun ein dunkler Schatten. Aber aus Luclins tiefen
Wunden brachen die Lichtstrahlen hervor wie ein überirdisches Lächeln.
© Susann Ulshöfer
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